Zum Inhalt der Seite

Sieben Tränen

Es ist wichtig hinzusehen ...
von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Blindheit

Sieben Tränen
 

Silberne Tränen perlten aus azurblauen Opalen, ließen diese leuchten wie Wasser im Sonnenlicht und zerbrechlich wirken wie hauchdünnes Glas. Die erste Träne, welche auf den kalten, harten Betonboden tropfte, sah nicht Einer von Tausenden.

Eine alte Ampel schaltete auf Grün um, die Autofahrer sahen dies, fuhren weiter, mit der Zigarette zwischen den blassen Lippen, dem kleinen Handy, ans rote, glühende Ohr gepresst und die rotunterlaufenden Augen geradeaus gerichtet. Eines kleines Mädchen, mit rotem Haar zupfte ununterbrochen am Ärmel ihrer Mutter, welche in ihrem überfüllten, zerfledderten Terminkalender Daten eintrug und immer nur genervt murrte, wenn sie das Zuppeln an ihrem Ärmel bemerkte.

Die zweite silbrige Träne zerschellte ebenfalls ungesehen auf dem Fussgängerweg.

Ein Lastwagenfahrer überhäufte einen Fussgänger mit Beschimpfungen, da dieser seiner Meinung nach erst nachdem die Ampel wieder auf Rot umgeschaltet hatte, begonnen hatte die Straße zu überqueren. Ein Grundschüler hetzte auf der anderen Straßenseite entlang, entriss dabei ausversehen einer älteren Dame die Handtasche, die Frau selbst musste dabei das Gleichgewicht verloren haben, denn sie stürzte und beschwerte sich über das ungehobelte Verhalten der Jugend heutzutage.

Auch als die dritte, silbrig schimmernde Träne ihren Weg nach unten gefunden hatte, wandte sich keiner um.

Ein Junge, vielleicht gerade mal 16 Jahre alt, schritt langsam vorbei, die Musik dröhnte in seine Ohren, die schwarzen Haare fielen ihm vor die dunklen Augen, der Blick wurde angehoben und bemerkte das gläsernde Funkeln in den blauen Augen vor ihm. Wortlos ging er vorbei.

Als wäre er unsichtbar, fand ein weiterer Silbertropfen aus leidenen Opalen sein Ende auf dem Stein.

Auch die junge Frau, die dem Jungen folgte, fand keine Zeit sich Gedanken zu machen, weshalb ein Mensch so traurig aussehen könnte, Termine und eigene Probleme übermahnten sie erneut und auch sie wendete ihren Blick achtlos, beinahe schon verachtend ab.

Nun war es schon die sechste Träne, die von dem blassen Kinn tropfte und ihren Weg auf den kalten Teer fand.

Ein Krankenwagen mit roter, schriller Sirene erschien an der Ecke, drängte sich geschwind durch Lücken und war so schnell aus dem Blickfeld der Bürger verschwunden, wie aufgetaucht. Einige fluchten und regten sich auf, beschwerten sich, dass dieser verdammte Krankenwagen es doch gut hatte und nicht einfach im Stau stehen bleiben musste, da galten keine Verkehrsregeln mehr.

Doch nun wart die siebte Träne endlich gesehen, war sie auch blutrot und benetzte den Asphalt, sowie die Windschutzscheibe eines BMW's, sie wurde wahrgenommen, mit geschockten, vollkommen entsetzten Gesichtern. Das Quietschen der Reifen muss wohl überhört worden sein, untergegangen in den spitzen Schreien von drei Frauen, die eben noch fröhlich lachend vom Einkaufsbummel gekommen waren. Es dauerte nicht lange, da erschien der Krankenwagen, der in einem bereits hoffnungslosen Zustand herbestellt worden war und dieses Mal war nicht ein Wort zu vernehmen, dass die Vorteile, die ein Krankenwagen mit angeschalteter Sirene mit sich brachte, unfair oder schlecht wären.

Und das kleine Mädchen mit dem roten Haar, das soeben noch seine Mutter in den Wahnsinn getrieben hatte, hörte auf an deren Ärmel zu zupfen, denn was sie die ganze Zeit sagen wollte, hatte sich nun ja erledigt.
 

Ende
 

---
 

Für die, die es interessiert.
 

Ich bin tatsächlich schonmal auf eine fremde Person zugegangen, weil sie geweint hat. War ne junge Frau am Hauptbahnhof Frankfurt. Ich hab mit ihr eine halbe Stunde geredet, bis ich meine letzte Bahn nehmen musste.

Es hat zwar nichts genützt, weil sie wirklich am Ende und einsam war und psychologische Hilfe gebraucht hätte und mir ging es danach nicht gerade gut, weil mich das voll mitgenommen hat.

Aber der Versuch zählt und vielleicht hat sie sich ja für ein paar Sekunden mal gefreut, dass es jemanden interessiert hat, wie es ihr geht.
 

Ich würde das immer wieder machen, wenn ich es sehe. :)



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (10)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von: abgemeldet
2010-08-11T15:45:28+00:00 11.08.2010 17:45
Mir fehlen die Worte...
So ist es aber wirklich in der Welt.
Alle denken an sich, die wenigsten kümmern sich um andere, nehmen sich nicht die Zeit hin zu sehen oder schauen weg.
Ich finde du hast diese Situation gut beschrieben, die ganzen Menschen...
Das kleine Mädchen... Sie ist sehr geschickt eingebaut.
Als ich die Geschichte gelesen habe, sind mir Schauer durch den Körper gegangen und ich hatte gehofft, dass doch jemand stehen bleibt...
Das Ende war dann nochmal ein kleiner Schock, obwohl ich es geahnt habe...
Ich hab immer noch dieses beklemmende Gefühl...
Du hast die Realität verdammt gut getroffen.

Von:  Digitalis
2010-01-07T19:23:12+00:00 07.01.2010 20:23
Hey du,
*wink*

ich bin gerade über deine FF gestolpert und kann nur sagen:
That´s live.
Ganz genau so!

Gerade die Nüchternheit, mit der du alles beschrieben hast, hat mir sehr gefallen. Die Zivilisation, oder das was daraus geworden ist, hat sich eindeutig zu einer Ich-Kultur entwickelt.
Traurig, aber wahr, heutzutage ist sich jeder der Nächste.
(Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Mir selbst ist zB. schon mal passiert, dass ich im Auto fuhr, (und es eigentlich furchtbar eilig hatte) als ein LKW an mir vorbei gefahren ist, der gebrannt hat(!!!)
Das haben sicher andie 30 Menschen gesehen, aber keiner hat etwas gemacht.
(Ein Reifen hatte Feuer gefangen, aber nur so stark, dass der Fahrer nichts sah.)
Wie auch immer, ich bin ihm hinter her gefahren und hab ihn gestopt.
Und was sagt der Fahrer, nachdem ich ihm das Feuer zeige?
-"Naund`?...Scheiße, ich verpass meinen Termin."

Man sieht:
Erstens sehen die Wenigsten, was vor ihren Augen passiert und zweitens unternehmen sie nichts, wenn sie es wahrnehmen.

Dass die Wenigsten Dankbarkeit kennen, oder gerettet werden wollen (Ich denke er sah den Ernst nicht, denn die von mir gerufene Feuerwehr sah die Sache dramatischer, als der Fahrer.)steht auf einem ganz anderen Blatt.

Wie gesagt, that´s live.
So traurig und sch***ße das ist.+.+

LG
*Daumen hoch*
Dat Miezekätzchen
Von:  Caro-kun
2008-05-11T15:50:56+00:00 11.05.2008 17:50
Tolle FF. Voll schön geschrieben T-T
Der Schluss ist dir ja auch total gut gelungen^^
DA sieht man mal wieder, dass Kinder mit viel offeneren Augen durch die Welt laufen, als Erwachsene.
Von:  Sethan
2007-05-27T15:58:50+00:00 27.05.2007 17:58
Wunderschön, so traurig das ist.
Harte Realität, die du da mit teils wundervollen Worten zu Papier gebracht hast.

Es gibt viel zu wenig Menschen, die sich überhaupt mal Gedanken machen. Geschweige denn in solchen Momenten aufstehen und sich erkundigen.
Von:  kizuna16
2007-03-13T08:47:14+00:00 13.03.2007 09:47
wow, bin voll sprachlos, das ist echt eine total gute geschichte...(hör grade einen krankenwagen)... ich bin mir gar nicht sicher was ich getan hätte um ehrlich zusein...auf der skipiste hat mal ein mädchen geheult und bin halt zu ihr hin gegangen und hab der weiter geholfen, aber ich glaub ich bin auch schon mal nicht zu jemanden hin gegangen.....
das mit dem kleinen mädchen hast du auch echt gut gemacht, es stimmt wirklich das kleinen kindern viel mehr auffällt als den älteren.
also sehr bewegende story, hast du gut gemacht *auf schulter klopf* ^^
Von: abgemeldet
2005-06-03T17:17:55+00:00 03.06.2005 19:17
Hallo ^^

Das ist sehr gut geschrieben und noch dazu verfolgt dieser Text ein Ziel. Hat einen Zweck. Lobenswert. Du schreibst gut. Ich hab schon mehrere Sachen von dir gelesen und ich muss sagen, du hast Orm. *seufz* Dass diese Geschichte traurig ist, muss ich dir ja wohl nicht mehr sagen. Ach ja: Ich wusste von der ersten Erwähnung des Mädchens an, dass sie die Tränen gesehen hat. (*freu*?) Kleine Kinder sehen und bemerken weit mehr als man meint, nicht?
Na ja.
Aber mir drängt sich da eine andere Frage auf: Was hättest du getan?

Nja... würde mich freuen, eine Antwort zu bekommen.

Liebe Grüße und nochmals ein Lob für deine Schreibkunst,

Alex
Von:  Kore
2005-01-31T15:34:06+00:00 31.01.2005 16:34
*nick und den anderen zustimm und nix mehr hinzufügen kann*
So schön... und so traurig... Q_Q
Von: abgemeldet
2004-11-15T15:49:20+00:00 15.11.2004 16:49
also, ich kann nichts anders tun als yuma und wildwein zustimmen...
einfach heftig...
Von: abgemeldet
2004-10-22T15:17:54+00:00 22.10.2004 17:17
Ich kann wildwein nur voll und ganz zustimmen
Zum Schluss der Satz über das kleine Mädchen, echt heftig
Von: abgemeldet
2004-10-13T20:39:53+00:00 13.10.2004 22:39
::schluck::

Das ist wirklich sehr, sehr traurig und bewegend. Es gibt soviele gebrochene Menschen, aber keiner macht sich auch nur annähernd die Mühe etwas zu unternehmen oder wenigstens hinzuschauen.

Die story hat mir echt gut gefallen und jetzt hab ich nen Kloß im Hals ...


Zurück